Mittelbayerische
Zeitung, (24.5.98)
Eine Italienerin in Regensburg und ihre Erfahrungen mit dem Land der "unbegrenzten
Möglichkeiten". Die Autorin des folgenden
Beitrags, Martina Chiarani, ist dank eines Stipendiums der Universität
Regensburg seit Oktober 1997 in Deutschland. Seit zwei Monaten arbeitet
sie als Praktikantin in der Sportredaktion der Mittelbayerischen Zeitung.
Die 25jährige Italienerin kommt aus Trient und hat in Bologna Politik
Wissenschaften studiert.(...) "Nach Deutschland möchtest
du fahren? Aber warum, es regnet immer und die Leute sind so kalt . .
." "Nach Deutschland? Gut, du wirst sicher eine gute Studien-
und Arbeitserfahrung machen." "Nach Deutschland? Paß'
auf das Essen auf, du wirst bestimmt zunehmen . . ." Das sagten mir
meine Freunde, mein Chefredakteur und meine Mutter, bevor ich hierher
fuhr. "La mamma ha sempre ragione", "Mutter hat` immer
recht", sagt ein italienisches Sprichwort: in diesem Fall muß
ich das zugeben. Die deutschen Bäckereien und Lebensmittelwaren sind
ein Attentat auf die Linie und die Gesundheit! ! !
Besonders für eine Italienerin, die sich normalerweise nur von Pasta,
Gemüse und Olivenöl ernährt und die jetzt immer auf der
Suche nach ein Paar Tomaten ist, die nicht nach Wasser schmecken.
Mein Chef, natürlich, hatte auch recht. Wie immer. Meine Freunde
aber nicht. Deutschland, das Land des Regens, des Bieres, der Kartoffeln;
und der Vernunft? Okay, kann sein.
"Deutsche Technologie", sagt man - zum Beispiel in der italienischen
- Fernsehwerbung, wenn man die Perfektion irgendeines Gerätes beweisen
will. Inzwischen habe ich aber hier entdeckt, daß deutsche Werbesendungen
von "japanischer Technologie" reden . . . Es ist auch komisch
zu beobachten, wie "der Italiener" im - Fernsehen vorgestellt
wird: er singt immer; er ist immer glücklich und in der Küche
beschäftigt. Außerdem wirft er jeder Frau verliebte Blicke
zu. Es wäre schön, wenn es in Italien solch nette, hilfsbereite
und romantische Männer gäbe!
So wie für die Deutschen Italien ;,Sonne, Pizza und Eros Ramazzotti"
bedeutet, ist das Land von Kant und Hegel für die meisten Italiener
noch immer eine Nation, in der die Gefühle keinen Wert haben und
die Leute so wie das Wetter ein bißchen traurig sind. "Ein
ganzes Jahr in Deutschland? Aber WARUM?" fragte man mich.
Warum? Weil Deutschland in Wirklichkeit das Land der "unbegrenzten
Möglichkeiten ist. Jawohl, so wie Amerika. Hier atmet man Freiheit,
man muß nicht immer auf die Tradition und auf die öffentliche
Meinung aufpassen. Aber vielleicht merken die Deutschen das selber gar
nicht. Studenten sicher nicht. Die meisten ziehen in eine andere Stadt
um, obwohl es bei ihnen dieselbe Fakultät gibt, die sie besuchen
möchten.
Wenn das ein Italiener machen wollte, würde er von den Eltern als
"undankbares Kind" bezeichnet, weil er sich nicht mit dem zufrieden
gibt, was er zu Hause hat. Das ist natürlich im Grunde genommen eine
Geldfrage in meinem Land ist die Universität zehnmal teuerer als
hier, es gibt fast keine Studentenwohnheime und keine Staatsanleihe wie
das BAföG. Studenten-Nebenjobs sind außerdem nicht so gut bezahlt:
es ist echt schwierig, ohne die Hilfe 'der 'Familie für den eigenen
Unterhalt zu sorgen.
Die Möglichkeit, ein Praktikum zu machen, finde ich auch sehr interessant.
Ich gebe zu, manchmal wird man dafür nicht so gut bezahlt, aber so
gute Berufserfahrungen machen und am Ende des Studiums einen interessanten
Lebenslauf vorweisen zu können, das ist für Italiener ein Traum.
Dank eines Praktikums hatte ich die Möglichkeit, einen Blick in
die Berufswelt zu werfen. Eigentlich habe ich keinen großen Unterschied
mit Italien entdeckt. Was ich aber in meinem Land nie gesehen habe ist
eine Küche beim Arbeitsplatz! Mit Kühlschrank und Kaffeemaschine
sogar!
Italienische Arbeiter machen immer Espresso-Pause in der nächsten
"Bar". Keine Angst, es gibt eine allen Ecken und Enden! Selbstverständlich
dauern dann die Arbeitspausen ein bißchen länger als hier .
.
Ich arbeite jetzt in der Sportredaktion. Ich hätte nie gedacht,
daß Deutsche genauso wie Italiener auf Fußball verrückt
sind. Ich war sicher, ich hätte mich endlich vom Kickerwahnsinn befreit.
Ich Träumerin! Sogar Trapattoni und seine "sinnlosen" Reden
sollte ich wiederfinden, und stellen Sie sich vor: sein Deutsch ist nicht
schlechter als sein Italienisch. Aber Fußball-Trainer sollen nicht
in erster Linie nach der Grammatik beurteilt werden, oder?
Und jetzt muß ich unbedingt etwas über die Leute sagen. Es
stimmt natürlich nicht, daß Deutsche keine Gefühle haben.
Vielleicht zeigen sie sie nur nicht so offen wie Italiener. Man braucht
immer einen gewissen Zeitraum, um mit ihnen vertraut zu sein, aber dann
hat man echte Freunde. In Italien funktioniert es etwas anders. "Ihr
kennt zwischen den Wörtern 'Freund` und 'Bekannter keinen Unterschied",
sagte mir eine Deutsche. Stimmt. Wir benutzen das Wort "Bekannter"
überhaupt nicht: eine Person; die wir nur einmal getroffen haben,
ist für uns schon ein Freund,
Was ich noch nicht verstehe, ist die absolute Unabhängigkeit, die
man hier von anderen Leuten - Freunden oder Verwandten - hat. Allein zu
essen, allein ins Kino zu gehen, allein zu reisen ist für die Deutschen
nicht besonders ungewöhnlich. Wir in Italien würden dagegen
nichts ohne Gesellschaft machen. Wir brauchen immer Menschen um uns, mit
denen wir uns unterhalten können. Und zu den Freunden möchten
wir auch eine körperliche Nähe haben: Wir umarmen uns einfach,
wir küssen uns immer, wenn wir uns treffen oder verabschieden. Das
habe ich mit deutschen "Bekannten" gemacht, und ich glaube,
es war für sie wie eine Verletzung der Intimsphäre.
Ich könnte vielleicht noch tausend Zeilen über den Unterschied
zwischen Deutschen und Italienern schreiben. Aber eines habe ich entdeckt:
die Deutschen sind ein Volk, das hinter der gewöhnlichen Zurückhaltung
immer irgendeine Überraschung aufbewahrt. Sie sind nicht nur Bier-Trinker,
genauso wie Italiener nicht nur Pizza-Fresser sind. Übrigens, ich
habe erst hier in Deutschland entdeckt, wie man Pizza bäckt...
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