Ich bin ein siebzehnjähriges Mädchen aus dem Ostteil Berlins.
Meine Eltern besitzen ein Haus mit Garten. Meine Mutter ist Sekretärin
in einer Spedition in Westberlin. Sie wurde glücklicherweise von dieser
Firma übernommen, als ihr ehemaliger Betrieb aufgelöst wurde.
Sie kommt erst um 19 Uhr nach Hause und hat deshalb selten Zeit für
mich. Mein Vater ist seit zwei Jahren über sein Arbeitsverhältnis
im Ungewissen. Er könnte jeden Tag arbeitslos werden, da der Betrieb
aufgekauft wird und keiner weiß, wieviel Leute übernommen werden
können. Er versucht alles, damit ihm diese Arbeitsstelle erhalten bleibt.
Darum macht er sehr oft Überstunden, manchmal sogar bis in die Nacht
hinein. Ich bin also ziemlich oft allein zu Hause.
Zum Glück kann ich sagen, daß ich viele Freunde habe, die
für mich fast zu einer Ersatzfamilie geworden sind. Am Wochenende
gehen wir abends in Discos oder unternehmen irgend etwas Verrücktes
miteinander. Es kommt dabei leider auch vor, daß wir dumm angemacht
werden. Von Gewalt halte ich nicht besonders viel, schließlich kann
man ja auch darüber reden. Darum bemühe ich mich, zu vielen
Ausländern Kontakt zu haben, weil ich der Meinung bin, daß
diejenigen, die Ausländerheime anzünden oder zu zehnt einen
Ausländer brutal zusammenschlagen, ihren Mund halten sollten.
Vielleicht sollte ich schreiben, daß ich in einem Randgebiet von
Berlin wohne. Es ist hier eher ruhig und erinnert noch ein wenig an ein
Dorf. Das ist auch gut so, denn so habe ich das Gefühl, ich bin hier
sicherer als in Berlin-Mitte. Obwohl ich nach der Disco nie allein nach
Hause gehe. Mein Freund bringt mich immer nach Hause. Das Wichtigste ist
jedoch die Angst vor den harten Drogen. In einer großen Diskothek
hätte ich Angst, daß mir irgend jemand Drogen in meine Cola
mischt und ich abhängig werden könnte. Früher wußten
wir noch nicht einmal, was Drogen überhaupt sind.
Ich fühle mich ein wenig unsicher in der Gesellschaft des Kapitalismus.
Und ich finde es auch nicht besonders gut, daß man die Wiedervereinigung
von Ost und West innerhalb von einem Jahr vollzogen hat. So schnell geht
das nicht. Das braucht Zeit und Geld. Und es wurden viele gute Dinge aus
der DDR abgeschafft, die auch im Westen von Vorteil gewesen wären.
Man merkt aber auch so, daß die Westler ziemlich hochnäsig
gegenüber den "armen" Ostlern sind. Es sind natürlich
nicht alle so, aber der größte Teil! Vielleicht kann man da
ja auch verstehen, daß mancher Ex-DDR-Bürger Minderwertigkeitskomplexe
hat, wenn er sich in einer Westberliner Firma vorstellen soll. Ich, zum
Beispiel, möchte am liebsten überhaupt nicht an meine erste
Bewerbung für eine Lehrstelle denken, dann wird mir ganz flau in
der Magengegend. Und deshalb bin ich auch froh, daß ich auf dem
Gymnasium bin und erst einmal das Abitur mache.
Jetzt habe ich auch noch ein Jahr, um mir klar darüber zu werden,
wie ich meine berufliche Laufbahn gestalte: Familiär habe ich schon
eher genaue Vorstellungen, aber das hat noch viel, viel Zeit. Jetzt bin
ich erst einmal zufrieden mit meinem Leben, und ich bin trotz der vielen
Probleme optimistisch, was mein weiteres Leben betrifft.
Ich denke aber, daß es viele Jugendliche gibt, die wirklich Probleme
haben und nicht so leicht damit zurechtkommen.
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