| am 12.9.2006 kommt
Papst Benedikt XVI nach Regensburg:
Ansprache von Benedikt XVI. anläßlich
der Verleihung der Ehrenbürgerschaft durch die Stadt
Regensburg
" ... auf Wiedersehen in Regensburg"
Mittwoch, 21. Juni 2006
In der Urkunde heißt es:
„Als Ausdruck tiefer Verehrung für das Lebenswerk
des Priesters und Gelehrten der Theologie, der durch sein
erfolgreiches Wirken an der Universität Regensburg und
mit seinen Publikationen die Stadt weit über ihre Grenzen
hinaus bekannt gemacht hat, und in Würdigung seiner stets
gezeigten Verbundenheit mit der Stadt Regensburg und ihren
Bürgerinnen und Bürgern hat der Stadtrat der Stadt
Regensburg in seiner Sitzung am 26. Januar 2006 einstimmig
beschlossen, Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. zum Ehrenbürger
der Stadt Regensburg zu ernennen.“
Ansprache des Papstes
zitiert von www.regensburg.de
Verehrter, lieber Herr Oberbürgermeister, Exzellenz,
lieber Bischof, sehr verehrter Herr Regionalbischof, verehrte
Herren Bürgermeister, verehrte Stadträte und Stadträtinnen,
meine Damen und Herren! Für mich ist in diesem Augenblick
schwer, Worte zu finden. Alles, was ich sagen möchte,
ist in dem Wort "Danke" zusammengefaßt.
Ich danke zuallererst Ihnen, lieber Herr Oberbürgermeister,
für die herzlichen und bewegenden Worte, die ich noch
kosten und nachmeditieren werde. Ich danke vor allen Dingen
dem ganzen Stadtrat für die große Ehre, die Sie
mir erwiesen haben, mich zum Ehrenbürger dieser großen
und bedeutenden Stadt zu machen. Wie Sie erwähnt haben,
darf ich ja schon Honorarprofessor von Regensburg sein und
insofern schon eingeschrieben sein in diese Stadt.
Aber nun gehöre ich auch zu ihren Bürgern ehrenhalber
und bin dadurch, wie Sie sagen, auf Lebenszeit und über
das Leben hinaus dieser besonderen Stadt zugehörig. Sie
reicht ja bis Marc Aurel zurück und über ihre keltischen
Wurzeln noch viel weiter und gehört so mit Augsburg,
Trier, Köln zu den ältesten Städten Deutschlands
– eine alte und doch eine ganz junge Stadt voll junger
Menschen und voll junger Dynamik und Lebenskraft.
Ich habe dieses Miteinander, das Regensburg – wie mir
scheint – auszeichnet, von tiefen Wurzeln in der Geschichte
und von lebendiger Dynamik in die Zukunft hinein zuerst in
der besonderen Weise erfahren, die mir dadurch gegeben wurde,
daß ich seit ’64 immer wieder Gast bei meinem
Bruder, bei den Domspatzen sein durfte, ein Chor, der der
älteste durchgehend bestehende Knabenchor der Welt ist
und der doch immer wieder neu aus ganz jungen Menschen besteht,
der davon lebt, daß er seine Kontinuität nicht
verliert und daß er doch immer wieder neu beginnt, mit
jungen Menschen sich neu inspiriert und neue Wege findet.
Es gab ja in der karolingischen Zeit viele Knabenchöre,
Schulen für Knaben an den verschiedenen Kathedralen.
Aber offenbar hat sich nur der Regensburgische durch die Jahrhunderte,
durch Höhen und Tiefen hindurch gehalten.
Dieses Ineinander von Beharrlichkeit und Mut zur Zukunft,
diese Fähigkeit, auch in dunklen Zeiten und in Tiefpunkten
durchzuhalten und weiterzugehen, scheint mir doch das besonders
Auszeichnende dieser Stadt zu sein. Dann ist natürlich
meine Beziehung neu und noch unmittelbarer geworden, als ich
selbst 1969 nach Regensburg übersiedelte. Ich hatte zunächst
einmal den Vorschlag, an die neue Universität zu gehen,
in deren berufungskonstituierendem Ausschuß ich gewesen
war, abgelehnt, schon weil ich nicht meine eigene Funktion
in der Konstitution mit einer Annahme eines Rufes verwechseln
wollte, aber auch, weil natürlich es etwas Schönes
war, an einer so großen alten Universität wie Tübingen
zu dozieren.
Aber dann waren zwei Dinge, die mich doch veranlaßt
haben, den Sprung zu wagen – oder eigentlich drei Dinge.
Zum einen war der ideologische Wirbel in einer so kleinen
Stadt wie Tübingen, wo man sagt, daß die Universität
zugleich das Stadttheater ersetze, besonders wuchtig und der
Harmonie, der inneren Harmonie, die man für die Arbeit
braucht, nicht besonders zuträglich. Aber ein rein negativer
Grund wegzugehen, hätte nicht genügt. Es hat mich
auch fasziniert, am Werden einer jungen Universität teilzunehmen,
nachdem ich an drei großen alten Universitäten:
Bonn, Münster, Tübingen, gelehrt hatte, mitzutun,
eine neue Universität aufzubauen.
Und dann kam natürlich dazu, daß mein Bruder in
Regensburg wohnte und es mir insofern schon ein Daheim geworden
war. Es war dann in der Tat etwas Schönes und mitunter
Aufregendes – Sie waren ja selbst im Senat, Herr Oberbürgermeister
–, diese Universität, in der es ja auch die ideologischen
Wirrnisse, die ganzen Situationen besonderer Art des Umbruchs
nach ’68 gab, allmählich aufzubauen. Wir fingen
mit einem Sammelgebäude an, und allmählich wuchs
dann der Universitätscampus.
Am Anfang stand die Universität nicht nur als ein verlorener
Betonbau äußerlich etwas in der Peripherie der
Stadt, auch für die Stadt selber war die Universität
noch etwas Fremdes, obgleich sie sich über Jahrhunderte
hin nach einer Universität ausgestreckt und nach dem
Krieg bewundernswerte Anstrengungen unternommen hatte, um
eine Universität einzurichten – schon fast eine
Medizinische Fakultät, auch literarische Fächer
aufgebaut hatte, dann wieder alles verloren hatte.
Dann kam die Universität und war zunächst doch
etwas Ungewohntes. Sie wuchs, und inzwischen sind Stadt und
Universität wirklich zueinander gewachsen und befruchten
sich gegenseitig. Die Universität hat eine neue Dynamik,
Jugendlichkeit, Ideen, Mut zu gewagtem Aufbruch in Neues hinein
in die Stadt gebracht, und umgekehrt tut es der Universität,
den Professoren wie den Studenten wohl, in einer Stadt zu
leben, in der große Geschichte spürbar wird und
in der sichtbar wird, daß die Denunzierungen der Geschichte,
als sei dies alles nur dunkel gewesen, nicht wahr sind.
Wer den Dom in seiner ganzen Größe sieht, den
lächelnden Engel, die Muttergottes, die Gestalten, und
wer all die anderen großen Kirchen und Bauten dieser
Stadt sieht, der sieht, daß wie immer – auch in
den vergangenen Zeiten – Dunkles und Großes miteinander
verbunden waren, daß die Geschichte auch heute uns zu
belehren hat, daß wir Geschichte nicht verlieren dürfen,
sie verlieren würden, wenn wir sie vergessen, sie verlieren
würden, wenn wir stagnieren wollten.
So scheint mir diese Durchdringung des jungen Lebens der
Universität und vieler anderer natürlich wirtschaftlicher
junger Unternehmungen in der Stadt mit ihrer großen
Geschichte eine besondere Begabung zu sein, die dieser Sadt
ihren Schwung und zugleich ihre Gemütlichkeit –
wenn ich es so ausdrücken darf –, ihr Flair von
Heimat und von Zuhause gibt.
Regensburg ist außerdem auch eine ökumenische
Stadt. Als Reichsstadt war Regensburg protestantisch, aber
paradoxerweise war doch die Mehrzahl der Einwohner –
nicht der Bürger, aber der Einwohner – katholisch.
Und was in den Territorialstaaten mit ihrem "cuius regio,
eius religio" nicht möglich war, war hier möglich
und nötig, daß Katholiken und Protestanten friedvoll
miteinander wohnten, sich kennen und verstehen lernten, und
so ohne große ökumenische Gespräche, die es
freilich im 16. Jahrhundert gegeben hatte, doch im Miteinander
auch Verstehen wuchs, wie dann auch die jüdische Gemeinde
in Regensburg, auch bei allen Um- und Abbrüchen, beim
Tragischen, Negativen, doch immer wieder in Regensburg zu
Hause war und mit zu dieser Stadt gehört hat.
Bischof Graber hat dann noch entsprechend auch der inneren
Ausrichtung, die für die Universität gedacht war,
die Beziehung nach Osten aufgenommen. Er hat dieses Institut
geschaffen, in dem eine ganz große Zahl von Theologen
aus den Ostländern, sowohl aus Griechenland wie aus den
slawischen Ländern, aus Rumänien, studiert hat,
Deutschland kennengelernt hat, die katholische Kirche kennengelernt
hat, Dialog erlernt hat und eine Liebe zu Regensburg und zu
dieser Stadt mit nach Hause getragen hat. Kürzlich war
bei einer bulgarischen Regierungsdelegation, die mich besucht
hat, auch ein bulgarischer Bischof dabei, der mich deutsch
– in perfektem könnte ich fast sagen – ansprach
und sagte: "Ich habe in Regensburg studiert und werde
auch zu Ihrem Besuch kommen, Heiliger Vater, und freue mich
schon darauf."
Da habe ich ihm nur sagen können: "Ich freue mich
auch, auf Wiedersehen in Regensburg." Und mit diesen
Worten möchte ich auch jetzt meine Rede schließen.
Herzlichen Dank für alles. Ich freue mich auf Regensburg.
Auf Wiedersehen in der Stadt an der Donau!
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